Verstrickungen anderer Art

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Elisabeth Bronfen

Verstrickungen anderer Art

bild05Das hier ist eine Photografie. Von einem Spiegelraum. Markierungen sind darin angebracht, aus schwarzer Wolle, die zu Figuren werden, zu dunklen, menschlichen Gestalten, ohne dass wir sie erkennen könnten, aber es scheint als würden sie uns anblicken, und gleichzeitig, im Schwarz der Wolle, entziehen sie sich der Spiegelung. Sie verbieten es, jede vorgeformte Erwartung, welche
wir von der Erscheinung eines menschlichen Gegenübers haben, auf sie zu übertragen. Wir können unsere Vorstellungen nicht wieder finden. Umgeben von Spiegeln verweigern diese Figuren auf doppelte Weise eine Spiegelung und sie verwandeln den Raum ins Unheimliche: Das Schwarz wirft alle Projektionen auf uns zurück. Der anscheinend vertraute Raum entfaltet einen unbekannten Ort. Wie, da uns kein Subjekt als Orientierungspunkt angeboten wird, sollen wir uns dort zurechtfinden? Aber es sieht so aus als wären einige dort, sie sind nur mit schwarzer Wolle zugedeckt. Oder weggestickt, erfunden, nie dagewesen? Wer weiss das schon gewiss? Jedenfalls verflüchtigt sich die Grenze zwischen der harten Materialität der Photografie und deren Widerspiel in der weichen Wolle aus Schwarz. Und dennoch bieten die schwarzen Gestalten das Versprechen einer Begegnung an, aber sie sind ausserhalb der Spiegel.
Und plötzlich sehen wir den Raum und nicht die Spiegel, und sehen, wie sich alles ineinanderverdreht und verstrickt bis wir schliesslich in einem unmöglichen, virtuellen Ganzen gelandet sind. Doch eben nur für einen Augenblick. Denn die Verzerrung der spiegelnden Wiedergabe lässt keinen Zweifel daran, dass die darin erkennbaren Gesichter nur das Illusionsspiel von Lichtstrahlen sind. Sicher an einem Ort verankert sind nur die dunklen Figuren, die sich uns entziehen. Auf einmal begreift der Blick sie als Mahnende in einem allegorischen Theater, Repräsentanten eines Gesetzes des Realen, welches uns die Fehlbarkeit der Einbildungskraft verkündet. Der abgebildete Raum entpuppt sich durch den Eingriff mit Wolle
als echte Simulation, setzt also das Illusionsspiel der Abbildung in Gang und entzieht sich diesem auch wieder mit der gleichen Geste. Und damit werden wir auf uns zurückgeworfen, erkennen unseren Wunsch, im Bild des Anderen eine Stabilität für die eigene Selbstwahrnehmung zu gewinnen, begreifen aber auch die Unmöglichkeit dieses Unterfangens. Dunkel blicken die Anderen uns an. Zu dem geworden, was wir uns heimlich wünschen: ein leerer Fleck auf den
alles projiziert werden könnte, macht er genau diesen Phantasievorgang unmöglich. Wie Reste,
die nach einem bedeutsamen Schnitt übriggeblieben sind, der das Subjekt von einem früheren Zustand mangelnder Erkenntnis trennt, verweisen diese dunklen Menschen auf jenen traumatischen Kern, der jedem Versuch, ein in sich schlüssiges Bild eines Ereignisses oder
eines Raumes zu erstellen, innewohnt. Das Verlangen, sich der materiellen Phänomene, die uns umgeben, in Form imaginärer Umgestaltung zu bemächtigen, lockt und verweist gleichzeitig auf das Scheitern der Bemühung um eine kohärente Wiedergabe von Welt.
In der Inszenierung mit Wolle wird das sichtbar, was Bilder sein können: künstliche Umgestaltungen und Material für Blicke, damit die widersprüchliche Phänomenalität unserer
Welt erscheinen kann. Es ist nicht der Mangel oder der Verlust einer unmittelbaren Nähe zu den Dingen, der uns begehren lässt und stets auf die Suche einer Spiegelung im Anderen treibt. Was uns in die scheinbare Sicherheit, die das deutlich erkennbare Bild des Anderen zu bieten verspricht, begeben lässt, ist eher das Wissen, dass wir dieser Nähe der uns fremden Materie nicht entkommen können, dass wir sie aber auch nicht in uns spiegelnde Figuren übersetzt bändigen können. Die Nähe bleibt als Fremdkörper erhalten und zeigt sich uns als gefüllte Lücke: Ein schwarzer Körper, dem wir nicht ausweichen können, wärend er sich gleichzeitig im Bild unserem Zugriff hartnäckig entzieht. Die wolligen Körper verankern uns im Spiel der funkelnden Lichter des durch Spiegelungen gebrochenen Lichts, dem schönen Schein der verzerrten Abbildungen. Und so störend unheimlich diese schwarzen Flecken wirken, so vertraut werden sie, lässt man sich auf die von ihnen zum Ausdruck gebrachten unlösbaren Widersprüche ein. Dann strahlt der Raum, der in dem Augenblick, als man sich in ihm zurecht finden möchte, plötzlich fremd wirkt, ein geheimes, altvertrautes Wissen aus, und unser umherschweifender Blick kann
an einem Punkt verweilen. Nicht die Illusion, sich im Anderen zu spiegeln, findet hier ihre
Versicherung, sondern die Möglichkeit der Begegnung mit dem oder der Anderen als das
Andere, als einem Gegenüber, das aus dem Spiegel gefallen ist. Im Schwarz lösen sich alle Bilder auf und zeigen sich gleichzeitig, so wie die Unmöglichkeit einer Begegnung im Spiegel zu zeigen vermag, was eine Begegnung mit dem Anderen zulassen wird.

Text erschienen in:
Marion Strunk: Wolle 2/embroidered images. Foto+Faden
memorycage Editions, Zürich 99
www.memorycage.com

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