Das Selbst als Fakt + Fiktion

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Paolo Bianchi

Das Selbst als Fakt + Fiktion

KUNSTFORUM International, Kunst der Selbstdarstellung, Band 181 / 2006

Diven, Embroidered Images.
Foto + Faden, Serie #6, 2005, je 70 x 50 cm.

Short Cuts 6: Marion Strunk
Wenn der Verfasser im vorhergehenden Text «Das Selbst als Faden» bezeichnet, zeigt er auf, dass sich künstlerisches Schaffen nicht linear und direkt, sondern netzartig und flexibel vollzieht. Das ähnelt weniger dem Pfeil als vielmehr dem Einfädeln. Indem Marion Strunk Fotos mit Wollfäden bestickt, kommt es zu einem Wechselspiel zwischen Fakt und Fiktion. An Stelle der zielgerichteten Linearität tritt die kreisende Bewegung des Stickens, die sich dadurch auszeichnet, dass die Annäherung an den Kern einer Sache oder auch des Selbst immer wieder aufgeschoben wird und in einer Präsenz der Absenz mündet. Strunk erklärt: „Subjektsein erfolgt über Versuch und Übung. In meiner Arbeit geschieht dies nicht fadenscheinig, sondern stichfest.“

Foto + Faden. Die Schweizer Künstlerin Marion Strunk durchsticht Fotografien mit spitzer Nadel, die einen Faden zieht. Durch den Faden transformiert sich die Fotografie in Stoff, Textil, Textur bis ein Bild aus „Foto + Faden“ entstanden ist. „Embroidered Images“ („Gestickte Fotografien“) wie das die Künstlerin nennt. Das Statische der Fotografie gewinnt durch das Flexible des Fadens ein unerwartetes Potenzial für Veränderung. Der Fotografie als „Abbild“ wird durch den Faden etwas Ambivalentes und Doppeldeutiges beigegeben. Bedeutungen und Wertungen kommen hinzu. Die klaren Strukturen der Fotografie werden durch die Beweglichkeit des Fadens irritiert. Das Besticken der Bilder hat etwas von dem Weben einer paradoxen Geschichte, welche die Betrachtenden umgarnt und ihre atmosphärische Wirkung erst vor den Bildern wirklich erlebbar macht – im Atelier oder Ausstellungsraum. Die Sehbewegung pendelt sowohl zwischen dem Bild (als Fakt) und dem Faden (als Fiktion) als auch zwischen dem Faden (als Fakt) und dem Bild (als Fiktion).

Als René Magritte einmal über das Thema von Bild und Abbild, von Kunst und Leben nachdachte, malte er eine Pfeife, schrieb darunter: „Ceci n’est pas und pipe“ („Das ist keine Pfeife“) und gab dem Kunstwerk den Titel: „Die Bilder trügen.“ Jede angeblich die Wirklichkeit abbildende Fotografie vermag auch ein Spiel mit Masken sein, so dass das präsentierte Ich kein reales, sondern letztlich ein fiktionales und frei erfundenes Ich ist. (Auto-)Biografien und (Selbst-)Porträts konstruieren sich immer auch als Autofiktion, weil die performative Bewegung zwischen dem Pathos des Narzissmus und der gleichzeitigen Distanz vom Ich pendelt. Dieser Doppelsinn spiegelt sich bei Marion Strunk in der Materialität des Fadens: Im Bild wird der Faden zum Faktum und selbst zum Bild. In Folge wird der gestickte Faden zur Spur für eine Gestalt oder einen Gegenstand, er bekommt die Dimension von Fiktion und Konstrukt.

„Meine ‚Foto + Faden’ Fotografien“, erklärt die Künstlerin, „versuchen nicht nur die Frage des Mediums Fotografie und der Kunst allgemein als etwas Konstruiertes, Fiktionales und Selbstreferentielles aufzuwerfen, sondern sie versuchen vielmehr auch zu zeigen, was eine reale Erfahrung im Umgang mit Kunst sein kann: Realität ist der Effekt der Kunst, wenn diese über die Thematisierung des Mediums zu einer Erfahrung führt, die Erinnerung und Befindlichkeit der Wahrnehmenden im Augenblick evoziert. Erst in der Betrachtung stellen die Betrachtenden etwas Reales her. Was zählt, ist somit nicht so sehr das Gezeigte selbst, sondern die Erfahrung mit dem Gezeigten im Moment der Betrachtung.“

Stichfest statt fadenscheinig.Es gehört zur wunderbaren Unaufdringlichkeit dieser „Foto + Faden“ Arbeiten, nicht alles zeigen zu wollen, sondern sich in der Verbindung von „Fakt + Fiktion“ dem Verwobenen und Verstrickten der Verhältnisse von Wirklichkeit auszusetzen. Damit wird eine Ästhetik ausgebreitet, die Mehrdeutigkeit aus multiplen Sinnlichkeiten performativ behauptet. Die Aufnahmen selbst bleiben fragmenthaft und schnappschussartig, offen und absichtslos. Der Gewinn ist überraschend: Das Gefühl verliert sich, Bedeutungen auf die Spur kommen zu müssen. Die Arbeiten verführen dazu, den Blick – in Analogie zur fotografierenden und stickenden Künstlerin – immer wieder anzusetzen und sich schauend hineinzufinden in alltägliche, scheinbar unauffällige Szenen. Wenn eine Person einen wirklich ertastbaren Wollknäuel in den Händen hält, verschwindet etwas zugunsten von etwas anderem, womit sich ein (Aus-)Tausch ereignet (Abb. 1). Die Figur verschwindet ins Undefinierbare. Der Haaransatz, die Kleidung verweisen auf nichts Eindeutiges. Der weisse Faden unterstützt eine Ästhetik der Absenz, da ja das Weiss die sichtbare Abwesenheit jeder Farbe und gleichzeitig die Summe aller Farben darstellt. Die Künstlerin agiert auf der Grenze von Zeigen, Verbergen und Hinzufügen, pendelt zwischen sichtbar und unsichtbar, zwischen Weiss und Nichts und spielt mit dem schöpferischen Vorgang des Erinnerns. Was für die einen wie ein Schneeball aussieht, erinnert andere wiederum an einen Luftballon. Die nicht eindeutig zuweisbare Interpretation, eröffnet dem Mehrdeutigen die notwendigen Räume.

Das Handwerk des Stickens erinnere an eine alte weibliche Tätigkeit, erklärt Marion Strunk im Gespräch. Das Alltagssujet ihrer Fotografien vertrete jedoch eher das Allgemeine, in das die Unterschiede hineingewoben seien und sich zunächst in einer Differenz der traditionellen Kodierungen – Technik gleich Fortschritt und Männlichkeit, Sticken gleich altmodisches Handwerk und Weiblichkeit – einschreibe. Diese Zuschreibung löse sich im zweiten Blick, wie Strunk erklärt, jedoch gleich wieder auf durch die „Irritation des Fadens als im Augenblick der Betrachtung tatsächlich Reales“.

Ein anderes „Foto + Faden“ Bild zeigt eine unscharf abgelichtete Figur. Reliefartig stehen vor ihr gestickte Kreise (Abb. 2). Spielbälle? Ein Clown, der mit Bällen jongliert? Die Unschärfe des Bildes verweigert die Eindeutigkeit. Wenn jede Person, jedes Subjekt und jede künstlerische Arbeit nur begrenzt eindeutig ist, ist dann alles, was ist, mehrdeutig? Ist alles heterogen, so dass sich Eigenschaften sprunghaft ändern können? Oder umgekehrt: Müssen wir unsere Seelenzustände und unser Selbstbewusstsein in die Eindeutigkeit treiben? Das flexible Subjekt bleibt ein Widerspruch. Strunk präzisiert: „Mit dem Verlangen nach Verbundenheit nimmt das Subjekt den Faden immer wieder auf und geht zugleich ein Wagnis ein, ein Risiko und Experiment. Subjektsein erfolgt über Versuch und Übung. In meiner Arbeit geschieht dies nicht fadenscheinig, sondern stichfest.“

Der Glamour der Diven.Die aktuelle Werkserie zum Pathos der Diven wirkt heiter. Die Künstlerin bestickt bekannte Fotos mythischer Symbolfiguren wie etwa Amerikas berühmte Sexikone Marilyn Monroe, den King of Rock ‚n’ Roll Elvis Presley, die englische Schauspielerin Jane Campbell, die Hollywood-Schauspielerinnen Audrey Hepburn, den Schriftsteller und Regisseur Jean Cocteau oder die Göttliche Marlene Dietrich (Abb. 3). Auch in diesen Bildern lässt sich eine Doppelbewegung nachvollziehen: einerseits spinnt der Faden die Erinnerung an Diven weiter, andererseits verschiebt er die Wahrnehmung von ihnen. Jean Cocteau bekommt grüne Handschuhe wie ein Jäger und Elvis wird in einen silbernen Wollkokon gehüllt, als hätte ihm eine sorgende Hand eine schützende Haut zugedacht. Diven finden ihr Glück auch in der „Familie des Öffentlichen“. Das häusliche Sticken kann ein dazu assoziiertes Bild sein. Walter Benjamin sprach davon, dass sich unser kaltes Leben am Feuer literarischer Figuren erwärmt.

Angesichts einer Inflation des Star-Begriffs (das Fernsehen kürt Stars am Laufmeter) und der damit einhergehenden „Demokratisierung“ und Aushöhlung des Glamourösen, erforscht Marion Strunk die Aura der Stars, das schöne Glänzen und Scheinen in Film, Kunst und Popkultur anhand von Porträts aus dem Bilderfundus der Medienwelt. „Für mich verzaubern die Diven unsere Lebenswelt. In meinen Arbeiten verspinnt sich der Faden im Bild hoffentlich mit Humor zum Doppelgänger: Die Fäden werden ein Kleid. Der rosa-seidene Handschuh von Marlene umwirbt den unsichtbaren Verehrer zärtlich, betont die Galanterie und wünscht sich Höflichkeit und Akzeptanz. So intensiv und hingabefähig die Diven sich zeigen, so glühen sie für ihr Publikum. Glamourös!“

Die „Foto + Faden“-Diven führen zu Fragen wie: Was liegt im Verborgenen? Kann das Verhüllen ein Geheimnis offenbaren? War Marilyn vorher nackt? Was Kunst auszeichnet, ist die Fähigkeit mit Paradoxien, Irritationen und Ambivalenzen umzugehen, Vielfältigkeit entstehen zu lassen. Der Faden deutet Möglichkeiten an, den Dingen einen flexiblen Lauf zu lassen. Die Wahrheit der Kunst ist weder nackt am schönsten, noch liegt sie in der Mitte zwischen nackt und schön. Sie steckt bei Strunks Diven-Bildern in der Dekonstruktion der nackten Wahrheit, was nicht die Enthüllung von Wahrheit meint, sondern, im Gegenteil, die Verhüllung des nackten Selbst, die Anerkennung der Gegenwart von Scham. Wenn Gedanken und Gefühle hilflos sind wie nackte Menschen, dann zeigt sich durch die „Foto + Faden“-Diven, dass es drauf ankommt, sie zu bekleiden. Eine Wahrheit der Kunst äussert sich demnach als Verhüllung, Verhängung und Verschleierung. Charismatische Figuren wie die Diven verweben sich mit unseren kollektiven Träumen und Sehnsüchten. Die Überraschung ist perfekt, wenn die von der Künstlerin angeeignete Fotografie die Geschichte in eine andere Dimension stellt, als es die Vorlage beabsichtigte. Plötzlich erzählt der Faden eine Geschichte, die so nie gewesen ist, sondern die erst an der Stichstelle von „Foto + Faden“ beginnt und sich zu einem Gewebe verdichtet, in dem sich Magie und Metamorphose des Ichs verspinnen. So sind die gestickten Diven-Fotografien Bilder, welche die Widersprüche der Wirklichkeit ebenso beschreiben wie produzieren. Die versponnenen Handlungsfäden behaupten sich als Selbstentwurf von Existenz.

Literatur: Marion Strunk: Wolle 2, Faden + Fotografie, Embroidered Images. Memory Cage Edition, Zürich 1999.

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