Zeige Deine Wunde – Zur Mode des Alexander McQueen

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Marion Strunk

Zeige Deine Wunde – Zur Mode des Alexander McQueen

Alexander McQueen: try-track dress, Frühling/Sommer 1995
Alexander McQueen: try-track dress, Frühling/Sommer 1995

Die Mode, jenes Spiel des schönen Scheins, ist schon lange nicht mehr das, was sie war und sein sollte: Zeichen des Besonderen, den Auserwählten auf den Leib geschnitten und wie angegossen den Körper in Klassen und Geschlecht verweisend, zu Konsum und Überfluss verführend; Haute Couture für die Idee der Eleganz und Würde, von Luxus und Stil, Prêt-à-porter für einen individuellen Entwurf vom schönen Leben, zur Schau gestellt auf den Bühnen der Welt.
Es scheint überholt, sich als Frau, Dame, Mann und Herr zu verkleiden, um die Ordnung der Dinge zu bestätigen. Die heutige Mode entzieht sich der Einordnung, das Trennende wird aufgehoben, die Grenzen verwischt. Dreck und Schreck sind ins Revier gezogen und haben das Schöne ins Hässliche gewoben, oder ganz nach oben gestellt, Low wird High und umgekehrt. Die Bühne ist öffentlich, die Strasse ein Laufsteg. Es geht nicht mehr nur darum, die Dinge schön zu finden, sondern auch sehr hässlich. Waren das Modell der Eleganz die Luxusfrauen der Welt der Träume, sehen die neuen Stoffe von Martine Sitbon so aus, als hätten sie eine Mottenattacke überlebt.
Dolce & Gabbana verkaufen Herrenjacken mit Riss, Yamamoto wäscht die Sachen kraus, bevor er sie verkauft (schon in den 70ern), Martin Margiela stülpt Saum und Naht nach aussen.
Das Verdrängte drängt ins Bild, unheimlich heimlich rückt der Schatten ins Licht. Im Schein zu scheinen, Star zu sein, verlangt keinen Pudel mehr im Schoss, es kann auch eine Ratte sein.
Die glänzende Plastik der Müllsäcke schmückt Piercing, Punk und Peitsche; Pink, Green, Blue and Yellow das Haar. Drag Queens erinnern noch an die blendenden Bilder, die Mode als Synonym für Weiblichkeit bildete: das Juwel an seiner Seite, ein Schein, der Sein ausstellt und den fetischisierten Kern des Begehrens immer wieder verkleidet. Die Drag Kings bleiben gleichermassen im Bild als Parodien der Geschlechter-kategorien, die echter nicht wirken könnten in ihren Verkleidungen.
Die Mise en scène des Echten zeigt das Echte als Mise en scène.
Die Welt des Scheins produziert das Reale als Effekt, Artefakte einer idealen Maskerade.
War die Mode-Avantgarde experimentell und auf den Schock aus, die Trends der Gegenkulturen absorbierend, ist mit ihr die Mode ein Erinnerungssystem geworden: Gedächtniskunst der Bilder, die sich wie Schuss und Gegenschuss im Film dramaturgisch an Dichotomien binden. Und wenn von einem Ende der Avantgarde gesprochen wird, da das Neue als das Noch-nie-Dagewesene moderne Fiktion bleibt, ist mit der Kritik a
n der Moderne und deren Idealisierungen die Mode das geworden, was Kunst sein will: die Darstellung der Zeit.
Auch die Mode will das Zeit-Bild. Und in den Zeiten, in denen die Bilder sagen, dass sie Bilder sind und keine reportierte Wirklichkeit, äussert sich auch die Mode in ihrem Begehren nach Idealität darin, sie zu ent-täuschen.
Hat die Mode in der Moderne  die Frau  erfunden, kommt es in der Mode nach der Mode  darauf an, das Bild zu dekonstruieren. Die Bilder bleiben nicht auf Totale eingestellt. Seitdem die Bilder switchen lernten, gibt es deren viele gleichzeitig und gleich gültig, ohne das einzig Wahre für Würde, Luxus und Stil favorisieren zu müssen. Wurde Mode mit der Integration des Hässlichen, Grotesken, Lächerlichen selbstdistanziert und selbstironisch, will sie in den 90ern vor allem das, was sie ist, zeigen: thematisierte Künstlichkeit. In den Selbststilisierungen stellt sie ein modisches Künstliches zur Schau, mit dem das kurzlebige Modische die ewige Schönheit der Dauer überholt: Glamour.
Verweile nicht, oh Augenblick, du bist nicht nur schön.
Das Offenlegen von dem, was ist, gleicht einem Bekenntnis zur Ambivalenz – dem modernsten Gefühl der Moderne – und zeigt gleichzeitig wie eine rhetorische Trope das heimliche Unheimliche im unbekannt Vertrauten der Mode: die Verletzbarkeit.
Die Mode des Alexander McQueen wagt die Umkehrung und bringt die Frage zur Darstellung, wie das Faktische im Fiktiven zur Rede kommen kann. Ähnlich wie Benetton provoziert McQueen die Sehgewohnheiten des Wegschauens und Träumens zu einer Nahsicht auf die wunde Stelle.
Das projekt tyre-track dress, die rote Rad-Spur mitten über den orangefarbenen Stoff, stellt das Kleid als Zeichen für die andere Seite des Glamours aus, für Körper, die nicht verhüllen. Das verbotene, geheime Sehen auf das Verborgene, die Gewalt, den Kitsch, Trash und alles andere oder – wie im Film  Crash  von David Cronenberg –  die Prothesen der Seelenlosigkeit. Seine Models tragen Gestelle und Krücken wie eiserne Rüstungen. Das Spiel mit der Metapher des Korsetts, der klassischen Enge, ist auf groteske Weise nach aussen gestellt zum coolen Tanz der Automaten. Dem  Birth of the Cool  folgt in den 90ern das Pulp Fiction(-Motto): Be Cool.
Es gibt keine Form existentieller Rettung, das Versprechen wäre eine wenig freudvolle Fehlleistung. Das verdrängte Andere der Vernunft und Schönheit gähnt ein Loch in den brennenden Wunsch, ideal zu sein. Die Inszenierung des Realen wird zum kalten Spiegel, und aus dem Fetisch Frau wird eine, die vorübergeht, eine Passantin, eine Flüchtige. Sie muss ein Gegenüber geworden sein – nicht mehr nur Objekt -, das macht sie gefährlich. Wenn die Mode jetzt schon Tacheles redet, dann hat sich doch etwas verändert in dieser Welt, und sei es für diesen Augenblick, der von dem Traum spricht, die Zeit zu zeichnen, darzustellen.
Die grundsätzliche Leere des Selbst und der Welt vermag kein Modell zu überwinden, die Figuren sind gefährdet und ausgesetzt.
Sie können der Fragmentierung nicht entkommen, deshalb kann die Verletzbarkeit und die Verletzung gezeigt werden. Die Scham ist vorbei, die Macht der Verletzung zu verstecken und als narzisstische Kränkung geheimzuhalten. Diese Mode behandelt den Schein als Schein, will also nicht täuschen. Sie spricht davon, die fiktive Welt als eine abwesende Realität anzusehen und die Abwesenheit von Sein als Aktion für ein Begehren und eine Sehnsucht, die Zeichen setzt und sie in die Ungeduld der Wünsche verwandelt, für die es Laufstege gibt und Blutbilder.

Dank an Joseph Beuys, Barbara Vinken und die Modemagazine <<THE FACE>> und <<i-D>>.

veröffentlicht in: Kursiv: Blutbilder, O.Ö.Kulturzeitschrift LINZ, 4-3 /97

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